"Viel Trubel, während der Papa seinen Job abspult"

Artikel erschienen in der Weltwoche Nr. 13/01, 29.3.01

Bonstetten: Vorstadtmütter spannen zusammen, um ihre Kleinen zu managen

Michel de Notredame

Spielplatz, Judotraining, Flötengruppe, Einkaufen, Kochen - das Tagesprogramm der zurückgelassenen Mütter und wenigen Väter ist randvoll

So viel zum Klischee der einsamen Vorstadtmutter: Während des dreistündigen Gesprächs mit Christina Kienberger, ausgebildete Juristin und derzeit vollamtlich als Mutter und Hausfrau tätig, werden wir mindestens alle fünf Minuten unterbrochen - vom Kommen und Gehen ihrer vier eigenen Kinder, von dem fröhlichen Blubbern des gehüteten Gastkindes, dem Anruf einer Kollegin vom Gospelchor, dem Besuch der neuen Nachbarin und so weiter und so fort. Den ganzen Tag viel Jubel und Trubel, während der Ehemann, ein Bau-ingenieur, seine Stunden im Büro und auf der Baustelle abspult: «Ich sitze eigentlich nie ruhig zu Hause», konstatiert die Familienmanagerin mit einem Nasen-, Augenbrauen- und Ohrenpiercing.

Bonstetten, Hochburg der uniformierten Reiheneinfamilienhäuschen, die rund um Zürich ins Grüne drängen. Innert zehn Jahren hat sich die Einwohnerzahl mehr als vervierfacht. Heute wohnen in der Agglomerationsgemeinde 3900 Seelen, mehrheitlich junge Familien, deren Ernährer mit S-Bahn oder Automobil nach Zürich zur Arbeit pendeln. Doch obwohl im März tagsüber nur wenig Leute im Dorfkern zu sehen sind, befinden wir uns hier nicht in der typischen Schlafstadt, zumindest wenn man den Bewohnern glaubt. Das Programm der zurückgelassenen Mütter und - selten genug - Väter ist randvoll.
Beispiel gefällig? Am Montag etwa begrüsst Christina Kienberger bereits um halb acht einen kleinen Tagesgast. Ihre eigenen vier Kinder, die zwischen vier und elf Jahre alt sind, gehen dann in die Schule oder in die Spielgruppe. Über Mittag verpflegt sie weitere Kinder, deren Eltern bei der Arbeit sind. Nach der Schule spediert sie den Nachwuchs mit ihrem Renault Espace in den Judounterricht und geht einkaufen. Neben ihrem Job als Hausfrau, Mutter, Tagesmutter und Mitorganisatorin eines Mittagstisches begleitet sie eine Flötengruppe mit dem Klavier und leitet einen Gospelchor. «Andere gehen ins Fitness-studio», erklärt sie ihre Hyperaktivität.

An diesem Tag steht der Besuch der neuen Nachbarin Brigitte Friedli und von deren Tochter an, die stumm ihr neues Elektropiano an sich presst. Die alleinerziehende Mutter möchte, dass Chris-tina Kienberger auf ihr Kind aufpasst, während sie Teilzeit arbeitet. Seit einer Woche wohnt die kaufmännische Angestellte jetzt in Bonstetten und hat nicht nur bereits eine Tagesmutter gefunden, mit der sie sich so locker unterhält, wie wenn sie sie schon Jahre kennen würde. Erste Kontakte bestehen auch zu anderen Nachbarinnen, denen sie draussen beim Kampfsport Wen Do zugesehen hat. «Ich hab sie einfach angesprochen, und jetzt versorgen sie mich schon mit Unterlagen.»
Fast alles, was in Bonstetten und Umgebung tagsüber passiert, dreht sich um Kinder: Schwangerschaftsturnen, Rückbildungsturnen, Muki- und Vaki-Turnen (Mutter-Kind/Vater-Kind); Krabbelgruppe, Spielgruppe, Schwimmgruppe. «Ich denke, ich kenne alle Familien mit Kindern, die im Alter von meinen sind», sagt Kienberger, die sich auch um die Finanzen des Familienklubs Wettswil-Bonstetten kümmert. An dessen Veranstaltungen finden gleich gesinnte Mütter unter anderem Anschluss, verabreden sich hin und wieder, greifen einander beim Kinderhüten unter die Arme. Nur beim persönlichen Engagement für die Allgemeinheit haperts: Die letzte Generalversammlung musste der Vorstand des Familienklubs alleine abhalten, weil niemand kam.

Das Netzwerk der Vorstadtmütter basiert vor allem auf privater Initiative. Die Behörden tun wenig bis nichts, um den Eltern die Kinder-betreuung zu erleichtern. Es gibt weder öffentliche Kinderkrippen noch Tagesschulen, selbst der Mittagstisch wird bisher von Privaten organisiert. Nicht einmal eine Defizitgarantie von tausend Franken wollte die Schulpflege dafür leisten - «mit der Begründung, dass Mütter zu Hause bleiben sollten», wie Kienberger erzählt.
Geradezu sensationell mutet deshalb das Projekt an, das der Gemeinderat Bonstettens kürzlich an die Gemeindeversammlung brachte. Ein grosser Spiel- und Begegnungsplatz, der nicht nur Kindern gefahrlosen Auslauf ermöglicht, sondern sich auch an skatende Jugendliche, picknickende Eltern und flanierende Senioren richtet. «Ein Ort, wo verschiedene gesellschaftliche Gruppen und Generationen zusammenkommen», wie es Gemeindepräsident Charles Höhn formuliert.

Dagegen war besonders die alteingesessene Bevölkerung, wie sich im Vorfeld der Abstimmung zeigte: zu teuer (700 000 Franken), zu viel Sauerei, zu viele Drogen, so die altbekannten Neinsager-Phrasen. Doch diesmal mobilisierte das Mütter-Netzwerk all die jungen zugezogenen Familien, die sonst nicht an Gemeindeversammlungen teilnehmen, weil sie zu müde sind oder der Babysitter bereits anderswo gebucht ist.
Der Spiel- und Begegnungsplatz «Schach-Matt» wurde schliesslich mit 175 zu 65 Stimmen angenommen. Alain Zucker


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