© Susi Zihler / annabelle Nr. 6/2001, Abdruck bei www.bonstetten.com mit Genehmigung der Tamedia AG
In Bonstetten, einem kleinen Dorf im Zürcher Säuliamt, bewohnen 21 indische Familien eine ganze Siedlung. Doch nur vorübergehend: Für 18 Monate tauschen sie ihre vertraute Umgebung gegen ein Leben in der fremden Schweiz. Wie es ihnen hier ergeht, zeigt dieser kleine Augenschein.
Schachenhof
– eine imposante, burgähnliche Überbauung mitten in Dorf. Etwas erhöht reiht
sich Häuschen an Häuschen in makellos weissen Beton, da und dort durchsetzt
mit Holz und Grünzeug, die Dächer mal spitz, mal eher rund. Hohe Glasfronten
erlauben einen grosszügigen Blick ins Innere der Apartments. Doch irgendwie
verströmt die weitläufige Siedlung einen Hauch vor Sterilität. Kein Mensch weit
und breit, nur hie und da das Miauen einer Katze, ansonsten – nichts.
Bis auf den Duft. Aus allen Richtungen strömen die verlockenden Düfte raffinierter Gewürzmischungen in die Nase. Und eine dieser Geruchsspuren führt uns zu Apartment 23A. Dort sind wir mit Roja Ponnanana verabredet. Roja ist eine von fünf Inderinnen, die sich dazu bereit erklärt haben, den Besuch des «Women’s magazine annabelle» zu empfangen und sich beim Kochen ein wenig über die Schulter schauen zu lassen. Denn Kochen ist ein wichtiger Bestandteil der indischen Kultur. Wer diese kennen lernen will, findet dafür eine gute Gelegenheit, wenn die Frauen ihre köstlichen Currys zubereiten und aus ihrem Leben erzählen.
Roja,
Rajshree, Padmaja, Sumithra und Madhavi sind mit Softwarespezialisten aus Madras
verheiratet. Sie haben ihre Heimat in Südostindien verlassen, um ihren Männern
zu folgen, die hier an hoch komplizierten Systemen (zum Beispiel der elektronischen
Abwicklung nationaler und internationaler Börsengeschäfte) arbeiten. Ein Privileg,
das nicht viele haben im Computermekka Indien, wo jedes Jahr über 100000 qualifizierte
Studienabgänger auf den IT-Markt stossen. Hier in Bonstetten können die Paare
und Familien für eineinhalb Jahre Quartier beziehen.
Es ist punkt zwölf Uhr mittas, als Roja mit einem scheuen Lächeln und spürbarer Zurückhaltung die Tür zu ihrer kleinen, dunklen Wohnung im Erdgeschoss öffnet. Was wir hier sehen, entspricht überhaupt nicht dem imposanten Eindruck, den uns der erste Anblick des Schachenhofs machte. Null Aussicht, winzige Küche, Bad, zwei Zimmer, möbliert mit einer einfachen Wohnwand, zwei Sofas, einem kargen Doppelbett – nur das Nötigste. Später wird Rojas Mann Sundar erklären, dass die Firma, für die er und seine Kollegen arbeiten, neben den Steuern auch die Wohnungsmiete vollumfänglich übernehme. «Da geziemt es sich nicht, sich zu beklagen. Mehr brauchen wir hier sowieso nicht.»
Vorerst
aber stehen wir Roja etwas hilflos gegenüber, wissen nicht, ab wir ihr die Hand
schütteln sollen oder nicht. Wir entscheiden uns dafür, und prompt errötet die
zierliche Frau. Hände falten und sich kurz verbeugen wäre passender gewesen.
Roja macht kein Aufheben deswegen – in asiatischen Kulturen ist es Sitte, jede
Situation zu vermeiden, die den Gast in Verlegenheit bringen könnte – und steuert
stattdessen schnurstracks die kleine offene Küche an. Dort liegen ein paar geschälte
Kartoffeln, gehackte Zwiebeln, frische Petersilie, Senfkörner, eine Knoblauch-Ingwer-Paste
sowie ihre ganz eigene Masala (Gewürzmischung) bereit, um zu einem feinen Curry
verarbeitet zu werden.
Auf einem Kinderstuhl sitzt der neun Monate alte Bhargava. Er schaut uns aus seinen grossen dunklen Kinderaugen an, während seine 26-jährige Mutter bereits in den Töpfen rührt und in jenem typischen, für uns Westeuropäerinnen nur schwer verständlichen Englisch die Zubereitung des Aloo-Currys erklärt. Englisch ist die Zweitsprache der Inderinnen und Inder, die sie in der Primarschule obligatorisch lernen. Aus der Sprache der ehemaligen Kolonialherren hat sich im Lauf der Zeit eine Variante mit einem ganz eigenen Akzent entwickelt, in dessen Singsang wir uns erst einmal hineinhören müssen.
Zeit für ein längeres Gespräch bleibt während des Kochens jedoch kaum, denn in Apartment 18 A wartet schon Rajshree Bhyri. Im Halbstundentakt sind wir in Begleitung von Roja jeweils angemeldet, alles ganz offiziell und straff geplant. Inderinnen und Inder überlassen in organisatorischen Dingen ungern etwas dem Zufall. Eine von mehreren Eigenschaften, die sie mit uns Schweizerinnen und Schweizern gemeinsam haben.
18 A ist identisch eingerichtet wie 23A (und 11 A, 3 A, 2 A und überhaupt alle As dieser Siedlung). Einzig die Zahl der Plüschtiere auf den Regalen ist hier etwas kleiner, da Rajshree keine Kinder hat.
Auch
Rajshree wirkt etwas nervös – und konzentriert sich zunächst einmal auf die
Zubereitung ihres Pulav (Gemüsereis). Doch nachdem sie ein paar Worte mit Roja
gewechselt hat, richten sich ihre Augen interessiert auf uns. Nur sehr selten
hätten sie Besuch von «locals» (Einheimischen), meint die 22-Jährige nun. «Da
wir kein Deutsch verstehen, bleiben wir meistens unter uns, kochen einmal pro
Woche zusammen, reden miteinander, helfen einander.» Für die kurze Zeit, die
ihnen in der Schweiz zur Verfügung stehe, lohne es sich kaum, die für die indische
Zunge sehr schwierige deutsche Sprache zu erlernen. Wir möchten ihr deshalb
ihre Unsicherheit bitte verzeihen.
Ob es ihnen in der Schweiz trotz erwähnter Verständigungsprobleme denn gefalle, wollen wir wissen. Rajshree und Roja schütteln beide den Kopf. Mit solch einem deutlichen Nein hatten wir nicht gerechnet. Die beiden bemerken unsere Irritation und müssen lächeln. «Bei uns bedeutet Kopfschütteln <Ja>», klärt Roja die allgemeine Verwirrung auf. Was ihnen an diesem Land denn besonders gut gefalle, fragen wir sie nun. «Es ist friedlich hier», meint Roja. «Sauber und ordentlich», ergänzt Rajshree. «Wir geniessen die Ruhe, denn im Vergleich zu Indien, wo viele Menschen auf engstem Raum leben, ist es in der Schweiz einfach paradiesisch.» Möchten sie für immer hier bleiben? «Nein», winken beide ab. «Unsere Familien leben in Indien. Dort ist unser Zuhause, dorthin wollen wir gerne wieder zurück.»
In Apartment 11 A, der nächsten Station, machen wir Madhavi Gajangi und Roja Komplimente für ihre schönen Saris. <<Nur für <special occasions> kleiden wir uns mit der traditionellen Festtracht der Inderinnen. An einem Tag wie diesem zum Beispiel», bemerkt Roja beiläufig, wahrend Madhavis kleiner Sohn Rohit eine Tüte Penne auf dem Küchenboden verstreut. «Das Anziehen der Saris ist nämlich kompliziert. Deshalb tragen wir sonst einfachere Kombinationen wie den Chudidar, einen Zweiteiler aus Hose und wallendem, langem Oberteil.» Und Jeans? Tragen sie auch westliche Kleidung, wie ihre Ehemänner? Köpfewackeln. «Ja, sicher. Beim Shopping zum Beispiel.»
Apropos einkaufen: kein Problem bei den Grundnahrungsmitteln wie Mehl, Milch oder Zucker. Dafür gehen die Inderinnen vom Schachenhof grüppchenweise in die umliegenden Grossverteiler. Dort kennt man sie mittlerweile, weiss ungefähr, was die Frauen wünschen, und hilft ihnen, so gut es die Sprachbarriere eben erlaubt, gerne weiter. Da der indische Gaumen aber mit den meisten europäischen Mahlzeiten Mühe bekundet, weil diese zu mild, zu fettig oder zu fleischig sind, bedarf es spezieller Ingredienzien. Für Gewürze und Pasten, die sie nicht extra aus ihrer Heimat mitnehmen, fahren sie deshalb einmal pro Woche gemeinsam mit ihren Männern mit der S-Bahn nach Zürich, um sich im India Shop am Stauffacher einzudecken. Ein Ausflug, der immer auch etwas von einem Ritual hat: Man trifft sich, tauscht Neuigkeiten aus oder gibt Tipps an Neuzuzüger weiter.
Unser «13-Uhr-30- Termin», Padmaja Devarapalli, erwartet uns mit einem strahlenden Lächeln. Sie ist erst vor wenigen Tagen aus Indien angereist und frisch verheiratet mit Sriram. Stolz zeigt uns die 21-jahrige Frau den Gumgum auf ihrer Stirn, jenen roten Fleck, den indische Frauen nach der Heirat tragen dürfen. Und die Ringe an ihren beiden mittleren Zehen sowie die goldene Halskette, ebenfalls Zeichen ihres Status als Ehefrau.
«Ihr seid jederzeit willkommen», ruft sie uns gut gelaunt hinterher, nachdem sie im Rekordtempo ein Linsengericht zubereitet hat. Mittlerweile ist es 14 Uhr, und Roja zerrt uns förmlich zu Sumithra Ramasamy, unserem letzten Halt. Diese ist etwas indigniert, weil sie laut Plan eigentlich schon früher dran gewesen wäre. Von ihr erfahren wir, dass Kochen in Indien reine Frauensache sei und keine der Frauen im Schachenhof arbeiten gehe. Warum nicht? «Es ist einfach so», antwortet Sumithra knapp, aber nicht ohne Stolz. Auch zu Hause, in Indien nicht? «Nein», meint Roja. «Sumithra und ich haben zwar beide College-Abschlüsse in Biologie und Chemie. Gebrauchen werden wir diese aber wohl nie. Ich habe sowieso alles wieder vergessen.» Thema erledigt.
Wieso seine Frau mit ihrem Studienabschluss nicht arbeite, haken wir später bei Sundar, Rojas Ehemann, nach. Der 31-jährige Informatiker ist mit Unterbruch seit drei Jahren in der Schweiz. Und damit der «Oldie» im Bonstetten-Team. «Wenn ein Paar beschliesst, Kinder zu bekommen, ist das Wohl des Kindes immer: wichtiger als die Karriere der Frau», meint Sundar. «Aber es kommt oft vor, dass eine Frau das Kind nach fünf Jahren in die Obhut ihrer Eltern gibt und wieder arbeiten geht.» Was dem einen oder anderen traditionell gesinnten Inder ziemlich zu schaffen mache und ihn in regelrechte Identitätskrisen stürze. Denn in den hinduistischen Schriften ist verankert, dass die Frau ihren Mann als Gott verehren und ihm bedingungslos dienen soll. «Ich habe festgestellt, dass Männer und Frauen in der Schweiz gleichberechtigt leben. Davon sind wir in Indien noch weit entfernt. Aber wir sind auf dem richtigen Weg», meint er abschliessend, während er zärtlich versucht, Söhnchen Bhargava in den Schlaf zu wiegen.
Ob Roja je arbeiten wird, sei indes dahingestellt. Denn gemäss Sundars Berechnungen wird er nach fünf Jahren Projektarbeit im Ausland so viel Geld beiseite gelegt haben, dass die kleine Familie in Indien bequem dreissig Jahre davon leben kann. Und darauf sei er sehr stolz, sagt er, bevor er uns an der Wohnungstür verabschiedet und uns noch einmal wissen lässt, wie sehr er sich auf das kleine Fest in zwei Tagen freue.
Sundar hat nämlich extra für uns ein «social gathering», einen gesellschaftlichen Abend mit Essen organisiert – für das die Frauen erneut opulent kochen werden-, obwohl es zum Feiern eigentlich keinen konkreten Anlass gibt: Ihre wichtigsten Festtage sind bereits vorbei, und die restliche Zeit des Jahres kommen die Inder und Inderinnen eher selten zusammen, um zu festen.
«Heute bekommt ihr wenigstens einen kleinen Eindruck, wie wir uns benehmen, wenn wir Gas geben», scherzt Sundar, als er uns am vereinbarten Abend in Empfang nimmt. Was er denn für einen Eindruck von den Schweizerinnen und Schweizern habe, wollen wir wissen. Trotz der vielen soziokulturellen Unterschiede habe er während seines Aufenthaltes auch auffallende Gemeinsamkeiten unserer beiden Völker entdeckt, meint Sundar, während wir zusammen mit Roja und Bhargava Richtung Partyraum aufbrechen. «Wir sind beide grundsätzlich eher introvertiert und zurückhaltend. Wenn man jedoch auf uns zukommt, reagieren wir freundlich und hilfsbereit.» Missgunst oder Fremdenhass sei ihnen hier nie begegnet, meint auch Senthil, Sumithras Gatte, der sich inzwischen auch dem Gespräch angeschlossen hat. Im Gegenteil, man bringe ihm und seinen Freunden viel Respekt entgegen. Mit ein Grund, warum auch er sich in der Schweiz wohl fühle. «Ausserdem sind wir beide Völker von Individualisten, die sehr viel Wert darauf legen, ihre Tradition und Eigenart zu bewahren.»
Eine dieser faszinierenden Eigenarten bietet sich dem fremden Auge beim Betreten des Partyraums: Schön brav nach Männlein und Weiblein getrennt, sitzen sich 15 Inderinnen und Inder in zwei Reihen gegenüber und schauen sich an. «Auch im Bus ist es uns laut alter Sitten eigentlich nicht erlaubt, uns zu vermischen», flüstert mir Sumithra ins Ohr. Doch je später der Abend, desto gelöster die Stimmung. Rajshree und Ehemann Rama werfen sich verliebte Blicke zu, die Kleinkinder Bhargava und Rohit kosten hörbar begeistert die Leckereien des Buffets – und bei der abschliessenden Tombola (der indische Name für unser Lotto) hält es sowieso niemanden mehr auf den Sesseln. «Ja, ja!», ruft Rama in feinstem Zürideutsch in die Runde, wenn eine ausgerufene Zahl auf seinem Zettel steht. Selbst die ansonsten eher ruhigen, stolzen Ladys werfen sich in Siegerpose und freuen sich diebisch über jeden gewonnenen Franken.
Gegen 23 Uhr jedoch herrscht wieder Ruhe im Saal. Die Inder sind bekanntlich keine Festnudeln, und ausserdem ist schon längst Bettzeit. Wir verstehen den sanften Wink, bedanken uns herzlich für ihre Gastfreundschaft und verabschieden uns. Diesmal mit gefalteten Händen.
© Susi Zihler / annabelle Nr. 6/2001, Abdruck bei www.bonstetten.com mit Genehmigung der Tamedia AG