1. August - Ansprache 2005 in Bonstetten

Ansprache zum 1. August 2006 in Bonstetten
von Pia Holenstein Weidmann

Liebi Fraue und Mane und Chind


ich bin iglade worde zum mit eu zäme de 1. August zfire und das freut mi – und ich hoffe natürli, eu au. Eini vo mine früene Erinnerige isch nämli, das min Vatter im Toggeburg esone 1.-Auguscht-Red ghalte het und ich bi fascht vezwiflet, wils mer fürchterlich lang vorcho isch - bim Warte ufs Für und s’Fürwerk. Und jetzt müend ir sogär uf das vezichte. Aber es git jo en Lampionumzug, dä hämer hoffentlich nöd vebote im Kanton, und ich bin sicher, das do z’Bonstette für e lässigi Fiir gsorget isch.
Also no es paar Minute Geduld vorher.

Mir firet jo do so öppis wien en Geburtstag. Das Geburtstagschind isch zwor scho chli älter, und über ali Umständ bi siner Geburt wüsset mer nöd so gnau Bscheid. Mer müends au nöd so gnau wüsse.
D’Hauptsach isch doch, sisch gsund und mir händ ali Freud an im.
So het doch emol es Lied gheisse:
„S’Schwizerländli isch no chli
aber schöner chönts nöd si.“

Das isch zuegee es kitschigs Bild, und es harmloses, vo eusem politische System und em Land, womer drin wohnet.
Aber mir isches vil lieber als das, wo mer den spöter het müese dezue ghööre.

Dezue cho sind so Behauptige:
D’ Schwiz isch andersch;
d’ Schwiz isch richer;
d’ Schwizer sind stärcher;
d’ Schwiz isch unabhängig und
d’ Schwiz isch elei.
Mer het gret vom Vaterland, vom Wehrwile wo mer ali hend und vom Patriotismus wo mer mues ha. Kritik isch vebote, wil d’Schwiz immer ales richtig gmacht het.

Und mengsmol hani scho de Satz ghört:
Mer sind stolz, das mer Schwizer sind.

Liebi Zuehörerine und Zuehörer
met dere Art vo Patriotismus hani mini lieb Müeh. Kei einzigi vo dene Ussage möchti underschribe. Und ich möcht ine au zeige, werum das mer üsers Land cha gern ha, sogär chönnti stolz si druf, oni das mer überheblich isch und sich isoliert.

Es isch doch zum Bispil überhaupt e keis Vedienscht, wemmer als Schwizerin oder Schwizer gebore isch, wenns eim guet got, wenn mer e schöni Landschaft händ und wemmer sich cha relativ sicher fühle. Das isch schön und ich bi dankbar defür.
Aber sicher isches kein Vedienscht, wenns eim besser got als andere. Und erscht recht cha mer nöd stolz si, wenn mer extra absits stoht, damit mer nöd mues mit andere teile; wenn mer sich isoliert, wil mer meint, mer sig öppis Bessers.

Und genau das isch im Moment Gfohr, das mer üs im Usland eso wohr ninnt. Als Rosinepicker, absits vom große Undernehme Europa, wo so vil bedütet für die Länder, wo mitenand und gegenenand im Chrieg gsi sind, und die, wo im Oschte dur ires Regime abgschnitte gsi sind vo de weschtliche Entwicklig.

Mir schint, es sig fascht nöme guet z’mache, was mir i de letschte 15 Johr in Europa vo üsem guete Ruef ibüesst hend. Zwor hend mer mit de bilaterale Veträg gueti Positione usghandlet, zwor zalet mir munter mit a Kultur und Entwicklig in Europa – mer sind nämlich gär nöd so schlächt - aber das weiss jo niemert. Im Moment gsehnd eus ali am Rand stoh und niene mitmache, wil mer dem Experiment nöd trauet, wil mer euse Richtum nöd wönd gförde. Ich säge gär nöd, das das stimmt. Ich säge nur, dass mer eus eso gset.
Und wenn eu anderi Europäer säget: „Ir hend recht, das ir nöd debi sind“, denn glaubet jo nöd, si meinets fründlich. Demit sägets nur: „Ir sind clever, ir lueget uf eure Vorteil.“ Und si tenket: „Aber ir sind duss und mir sind dine.“
Also guet, mer sind jetz duss. Stolz uf eusi ältischti Demokratie, aber usgschlosse vom Europa rund um eus ume. Mir lönd di andere plane und demokratisch entscheide und müend nochher einzeln go vehandle. Das es so isch, müend mer vorläufig akzeptiere. Aber eis säg ich: Wenn mer im Herbscht d’ Hilf für di europäische Oschtländer würdet ablehne – mit dem würdet mer eusi letschte Sympatiee au no vescherze. Niemer git gern und ohni Grund Gelt – aber ali Länder vo de EU hends vesproche und machet mit, das isch Solidarität wos würkli brucht. Die sogenannti Kohäsionsmilliarde isch üse Bitrag zu Europa im Ganze, und wenn mer do würdet nei säge, wür das unheimlich vil choschte - im materielle und immaterielle Bereich.
Und bi de Asylrechtsveschärfig, wo mer au im Herbscht drüber abstimmet, stoht genau s’glych ufem Spil. S’Bild vo üs i de Welt, in Europa, aber au im eigne Land. D’Veschärfig chan Härtefäll uslöse, bi Lüt wo würkli kei Papier händ. Mer cha zwunge werde, zum notlidendi Mensche müese uswise, zum mit de humanitäre Tradition breche.

Fürs Asehe vo de Schwiz, im In- und Ussland, wär das fatal.
E richi satti selbstzfridni Schwiz, wo meint, si mües wienes U-Boot ali Chlappe dicht mache und chöng denn ganz elei und glücklich im Weltmeer beschto – das isch e kei Schwiz zum stolz si druf und keini, woni drin möcht lebe.

Ich ha vil lieber di ander, di offe Schwiz. Und ich glaub, das isch au die real. Die wo d’ Auge offe het, wo teil nint am internationale Gsche und will mithelfe anere fridlichere Welt. Die wo vil Sproche kennt und Lüt us alne Gegende als Gescht wilkome heisst und weiss, was reise heisst. Die wo i de Not au bereit isch, mit andere, wo weniger Glück hend, zteile.

Mir hend doch e Tradition vo Handel mit em Ussland, vo Us- und Iwanderig, vo Demokratie, Diplomatie und Humanität. Mit dene Traditione chönd mer öppis mache, teil neh a de Welt, üs vo de beschte Site zeige. Und wenns sogenannti Missbrüch git, denn hend mir Gsetz und chönd die vefolge, do mues mer gär nöd rassistisch oder usländerfindlich tue, wen ali di gliche Recht hend, geltet au di gliche Gsetz für ali.

Ich ha vo Stolz gret, Stolz uf üsers Geburtstagschind. Ich möcht gern stolz si uf d’Schwiz.
Und stolz cha mer si uf öppis, wo mer leischtet, wo mer guet macht, oder es wenigstens probiert guet zmache. Es isch en Ufgob, wo mer het.
Und en Ufgob, wo nie fertig isch.
S’Asehe vo de Schwiz, vo eus als Schwizer, hanget vo dem ab, was mir machet, und nöd, was mir früehner gsi sind. Ich bi bereit, zäme mit eu allne, a dem Asehe z’schaffe.
Und das bringt au in Blickpunkt, werum ich do als Sozialdemokratin törf und will mitrede. Mir hend euses Land au gern und setzet eus defür ii. Wenn mer mengsmol öppis kritisieret, so mues mer dra tenke: Mit Kritik wil mer öppis verbessere. Kritik isch Sorg, jo au Liebi.
Also - de letscht Satz isch vilicht echli heikel, so im Privatlebe.
Ich meine: Es isch e falsch veschtandni Vaterlandsliebi, wenn mer meint, mer müesi alles guet finde und törf gär nüt kritisiere, was i de Vegangeheit passiert isch. Es het au Fehler ge, und die mues mer aluege zum drus lerne.
Mir Linke hend genau so vil übrig für üses Land, wo schön isch, wo e gueti Lebesqualität het und wo mer üs chönd wohl fühle. Und für das übernend mer Verantwortig, dem wömmer Sorg ge.

Im Moment brucht eusers Geburtstagschind eusi Sorg ganz tütlich. Wennt Berge obenabe chönd, wil de Permafroscht schmilzt, denn merket mir au bi üs, das mer Teil sind vo globale Entwicklige und au Fehlentwicklige. Mer bruchet de Erfindigsgeischt und Undernehme für Lösige, mer bruchet Gsetz und Regle, ja au Ischränkige, und s’Mitdenke vo de Bevölkerig, das nöd nur di churzfrischtig Bequemlichkeit, sondern d’Zuekunft im Aug het. Und denn mues mer au Iischränkige in Chauf neh.
Eini devo isch hüt, das mer kei Für törfet mache. Das isch schad und das isch blöd. Aber grad das isch en Entscheid gsi us Sorg für euse Lebesruum.

Liebi Bonstetterine und Bonstetter, liebi Gäscht: Mir händ vil Ufgobe i de nöchschte Zuekunft, womer mitenand müend und chönd löse. Gämmer üs und üsem Geburtstagschind, de Schwiz, e schöni, nachhaltig gueti Zuekunft.
Ich mache mit, und wünsch eu allne noch witer es wunderschöns Fescht.

Pia Holenstein Weidmann
Bergrain 11
8910 Affoltern am Albis

Kantonsrätin SP Zürich, Mitglied Kant. Bildungskommission



Zurück zu www.bonstetten.com | E-Mail: webmaster@bonstetten.com