
Rede zum 1. August 2004 in Bonstetten ZH
Von Christa Markwalder, Nationalrätin
Liebi Bürgerinne u Bürger – mit und ohni Schwizer Pass
200 Jahr isch es här, dass am Friedrich Schiller sis Werk Wilhelm Tell am Hoftheater in Weimar isch urufgfüehrt worde. Alässlich vo däm Jubiläum gniesst dr Wilhelm Tell, wo üs im Alltag ufem Füfliber dür d’Finger gleitet, das Jahr ä bsungeri Ufmerksamkeit – als Kämpfer für Freiheit und gäge d’Unterdrückig, als präzise Armbrustschütz, wo sowohl dr Öpfu wie dr Gessler troffe het aber ou als Ma vor Tat, wo für sich allerdings in Aspruch nimmt, Unrecht mit Unrecht z’vergelte. Churz: dr Wilhelm Tell isch zum Nationalheld worde mit Usstrahlig wit über üsi Landesgränze use.
Historisch isch nid beleit, ob dr Wilhelm Tell je gläbt het, genauso wenig wie’s bekannt isch, ob dr Bundesbrief tatsächlich usem Jahr 1291 datiert und i diräkti Verbindig mitem Rütlischwur cha bracht wärde. Ds eidgenössische Parlament het 1890 beschlosse, ä 600-Jahr-Fiir für d’Eidgenosseschaft dürezfüehre u deswäge gäge Widerstand vo de Urkantön Bundesbrief und Rütlischwur historisch eigemächtig uf ds Jahr 1291 festgsetzt. D’Urner hei füf Jahr später ihres Tell-Denkmal in Altorf bout und us Protest ds Jahr 1307 als Gründigsjahr vor alte Eidgenosseschaft igmeisslet. Rückdatierti Gschichtsschribig ghört eigentlech nid zu de parlamentarische Ufgabe, doch agsichts vom Spardruck si hüt äuä die meischte Politiker froh, dass d’700-Jahr Fiir vor Eidgenosseschaft scho 1991 het stattgfunde, u nid ersch im Jahr 2007 muess organisiert wärde. Wahrschinlech würdi süsch gägewärtig dr gängigi Wäg gwählt, und d’Organisation vo sore Fiir de Kantön u de Gmeinde überlah.
Dr Kampf um Freiheit und Unabhängigkeit zieht sech wiene rote Fade dür d’ Schwizer Gschicht und d’ Sag vom Wilhelm Tell het am Friedrich Schiller bsunders imponiert. Är schribt derzeue: „Die Leute sind auf solche Volksgegenstände ganz verteufelt erpicht, und jetzt besonders ist von der schweizerischen Freiheit desto mehr die Rede, weil sie aus der Welt verschwunden ist.“ Das isch zur Zyt vor französische Bsetzig gsi. Dr dütschi Poet, wo im absolutistisch regierte Herzogtum Württemberg isch ufgwachse het zersch uf Geheiss vom Herzog Karl Eugen müesse Recht und denn Medizin studiere, isch wäge unerloubte Reise nach Mannheim i ds Gfängnis gworfe worde, u het trotzdäm speter verschiedni Adelstitel übercho. Dr Friedrich Schiller het im Gägesatz zu sim Fründ em Johann Wolfgang von Goethe d’ Schwiz nie bereist und dr Schouplatz vo dr Jubiläumsuffüehrig vom Wilhelm Tell – die legendäri Rütliwiese – säuber nie gseh.
Dass die staalechi Obrigkeit eim vorschribt, weles Studium dass me muess wähle, dass unerloubti Reise zure Gfängnisstraf füehre – isch hüt für üs unvorstellbar. Mir kenne bürgerlichi Grundrecht sit dr Verfassig vo 1848.
D’Gründig vom moderne Bundesstaat isch e revolutionäre Akt gsi in Europa, und mir Nachfahre, Igwandereti u Nachfahre vo Igwanderte chöi zu Recht stolz si druf. Die alti Eidgenosseschaft hingäge - wo ou dr Wilhelm Tell als Symbol derfür steit - isch trotz allne erfolgriich gfüehrte Freiheitskämpf keis Vorbild für es zitgemässes Verhältnis zwüsche Bürgerin und Bürger und em Staat. Ds politische System vor 1798 isch nämlech prägt gsi vo vielne Vorteil für einigi wenigi. Die altigsässne Familie, d’Patrizier und d’Zünft hei je nach Region ds Säge gha. Bis sech d’ Maxime vor Ufklärig – Mönschewürdi, Freiheit und Sälbstbestimmig – ir Schwiz hei düregsetzt isch nachem Niedergang vor alte Eidgenosseschaft äs halbs Jahrhundert verstriche. U bis ou d’ Froue ir Schwiz politischi Rächt hei übercho, hei no einisch müesse 123 Jahr dür ds Land ga. Obwohl d’ Froue ir Schwiz sit 1971 ds Stimmrächt hei, und 1981 ir Verfassig si gliichberächtiget worde, hei mir nid die gliiche Karrierechance, verdiene für gliichwärtigi Arbeit oft weniger als üsi männleche Kollege und e zahlte Muetterschaftsurloub isch ir Schwiz im Gägesatz zu allne umliegende Länder nid gsetzlech garantiert.
Am 26. September stimme mir zum vierte Mal ab übere Verfassigsuftrag vo 1945. Diesmal geits nid um d’ Ifüehrig vore nöie Sozialversicherig, sondern nume um d’ Apassig vor Erwerbsersatzordnig, wo i Zuekuft allne erwerbstätige Müettere nach dr Geburt vo ihrem Ching während 14 Wuche 80% vo ihrem Lohn finanziert. Grächterwiis söue nach dere Vorlag nid d’Arbeitgäber allei, sondern d’ Arbeitnähmerinne mit ihrne Arbeitgäber zäme dr Muetterschaftsurloub finanziere. Gliichzitig wird ou dr Erwerbsusfall vo de Männer während ihrem Militärdienst uf 80% erhöht, so dass niemer cha behoupte, d’Männer chömi öppe z’churz. Si mache übrigens im Parlament 78% vo de Mitglieder us und u si mit sächs vo siebe Bundesrät ir Regierig verträtte. U trotz allne politisch tätige Männer, wo meistens ou Vättere si u Ching deheime hei, hett d’ Schwiz familieunfründlechi Struktre. Betröigsmöglechkeite usserhalb vom Elterehuus wäre hüt für vieli Ching gfragt, doch solang mir no d’ Familie wie zu Gotthelfs Zyte nid nume im Fernseh vor Ouge hei und probiere z’ ignoriere, dass drü viertel vo de jüngere Froue erwerbstätig si und fasch d’ Hälfti vo de schuelpflichtige Ching i ihrer Freizit unbetreut, wird sech ou ir problematische demografische Entwicklig nid viu ändere. Deswäge giut’s am 26. September mit emne Ja zur Revision vor Erwerbsersatzordnig ä Pflock izschlah zugunste vo de Familie und für d’ Ching i üsem Land.
I de letschte 12 Jahr het d’ Schwiz äs nöis Kapitel gschriebe vo ihrere Gschicht, nämlech ds Kapitel vom Alleigang imne sech immer meh vereinigende Europa. 1989 isch d’ Berliner Muur als Symbol vom chalte Chrieg zwüsche West und Ost gfalle. D’ Wältordnig vo de zwöi grosse polarisiernde Blöck isch zämegheit, Europa het sech mit em Vertrag vo Maastricht ufne Quantesprung vorberitet, und d’ Schwiz het 1992 mich huuchknapper Mehrheit dr Aschluss a europäiischi Wirtschaftsruum verpasst. Übrigbliebe isch nume no dr bilaterali Wäg.
Dr Prozess vor europäische Integraton het däm Kontinent nach jahrhundertelange chriegerische Usenandersetzige ändlech Friede bracht. Mit em Bitritt vo zäh nöie Länder isch d’ EU dä Früehlig uf 25 Mitgliedstaate agwachse u dr alti Grabe zwüsche Ost und West het definitiv chönne überwunde wärde. Mit em gmeinsame Binnemarkt und dr gmeinsame Währig Euro si gueti Vorussetzige fürnes wirtschaftlech prosperierends Europa gschaffe worde u die europäischi Verfassig sorgt für politischi Stabilität im neue Europa.
U d’ Schwiz? Was gits für Visione für d’ Schwiz im Herze vo Europa? Gseh mir üsi Zuekunft als vor Integration witgehend usgränzti bilaterali Verhandlisgapartnerin? Als pseudo-souveräne Staat, wo im Rahme vor europakompatible Gsetzgäbig zahlrichi europäiischi Regelige „autonom“ übernimmt? Als externi Ideenlieferantin, wo ar Europäische Union beratend chönnt zur Site stah, wie me es Staatswäse mit verschiedene Sprache und Kulture cha föderalistisch und effizient organisiere? Oder doch als vollwertige Player, wöu grad d’Schwiz mit ihrere Gschicht viel zumne vielsprachige, dezentral organisierte und uf gägesitige Usgliich bedachte Europa chönnti biitrage? Mit de zwöi bilaterale Verhandligspaket het sech d’Schwiz vorerst chönne gwüssi Vorteile sichere, aber d’ Situation vor Insle mitts ir EU wird geng wie ungmüetlicher. Es brucht kei hellseherischi Begabig zum gseh, dass dä Wäg d’ Schwiz mittelfristig ine Sackgass füehrt.
Ds erschte bilaterale Verhandligspaket chönnti hifällig wärde, wenn ds adrohte Referendum vo Gwerkschafte und SVP gäge d’ Usdehnig vor Personefreizügigkeit uf die nöiie Mitgliedstaate erfolgriich wäri. U gäge Biitritt vor Schwiz zum Abkomme vo Schengen im Rahme vo de Bilaterale II het d’AUNS ds Referendum scho beschlosse, no bevor si überhoupt dr Vertragstext kennt het. Schliesslech dürfti ou d’ Bereitschaft sitens dr EU für immer nöii bilaterali Verhandlige tendenziell eher ab- als zuenäh.
Als Exportnation verdiene mir jede zwöit Franke vo üsem Wohlstand im Usland - würdi ar politische ou no ä wirtschaftlechi Isolation folge, wärs mit üsem höche Läbensstandard bald verbi. D’Schwiz wist denn u i de letschte zäh Jahr z’töifschte Wirtschaftswachstum vo aune OECD-Staate uf, was druf laht schliesse, dass ds knappe Nei zum EWR 1992 alles andere als e weise Entscheid isch gsi.
Sicher, üses Land isch momentan vor auem mit sich sälber beschäftiget. Dr Umbruch ir Parteielandschaft mit em bispiulose Ufstieg vor SVP u dr Sterchig vor SP uf dr andere SIte het zure starke politische Polarisierig gfüehrt, wo dr sprichwörtlech guet schwizerischi Kompromiss vor Regel zur Usnahm het la wärde. Dr Umgang isch rüder worde, ds politische Klima greizt, die gägesitigi Solidarität bröcklet. Dr Kanton St. Galle isch nid bereit, sini Wasserdüse ufem nöie Bundesplatz z’zahle, äs paar Zürcher wärfe de Berner Fulheit vor und im Vorfeld vo dr Abstimmig über d’Bürgerrechtsvorlage wird einisch meh Stimmig gmacht gäge d’Usländer i üsem Land – wohl wüssend, dass mir nume wäg üsem komplizierte u langwierige Ibürgerigsverfahre sone höche Usländerateil ar ständige Wohnbevölkerig hei. Derbi si die Lüt, wo’s bir Abstimmig im September drum geit, se erliechteret izbürgere lengscht Schwizerinne und Schwizer, si hie i d’Schueu gange oder bereits hie gebore u mit üsne Gwohnheite bestens vertrout. Sie hei eifach no ke rote Pass.
Die beide Parteie, wo sech sowohl als Oppositions- wie ou als Regierigspartei betätige - hei die letschte Wahle gwunne und d’ Zouberformle für d’Parteiezämesetzig im Bundesrat, wo sit 1959 het Bestand gha isch gsprängt worde. Die nöie Mehrheitsverhältnis im Parlament hei im erste halbe Jahr derzue gfüehrt, dass zwar viu berate wird doch weni cha verabschiedet wärde. Rückwisige vo Gsetzesrevisione, Diskussionsverweigerig dür Nid-Iträtte, stundelangi Beratige und de Ablehnig ir Schlussabstimmig hei d’ Arbeit vom nöi zämegsetzte Parlament bis itz i keim würdige Liecht la erschiine und vour auem viu Geld kostet. Dr Usspruch vom Stauffacher im Wilhelm Tell „Doch könnten Worte uns zu Taten führen.“ passt guet zur Stimmig im Nationalrat. Wenn die beide erstarchte Pol ds Parlament witerhin blockiere, und ou die regierigstreue Parteie öfters mal dr Versuechig erliege i ds Verhinderigs-Powerplay izstige, wird die loufendi Legislatur als Vierjahresperiode vom Stillstand i d’Gschicht igah. Das chöi mir üs aber nid leischte, wenn mir im wältwite Wettbewerb wei beschtah. I däm politische Klima het vilech de d’Konkordanz als politisch usglichends System usdient, und mir loufe ines Konkurrenzsystem ine, wie mer’s ou vo üsne Nachbarstaate här kenne. Mit em fiine aber wichtige Unterschied, dass sech es Konkurrenzsystem schlächt mit de jährlich viermal stattfindende Volkabstimmige vertreit. Mit ere Konkurrenzdemokratie hätte mir de ds gängige Regierigssystem vo de EU-Staate übernoh, u das wägem wachsende Ifluss vo dr Anti-EU-Koalition.
D’ Konkordanz isch halt nid nume Frag vor Arithmetrik, sondern ou Frag vom politische Stil und vom Wille konstruktiv zämezschaffe. Zum wieder chönne Fortschritte z’erziele isch üses Land itz vor auem uf d’Stimm- und Wahlbevölkerig agwiese. Einersits, indem d’ Abstimmigsvorlage vo Bundesrat und Parlament wieder Mehrheite finde und anderersits indem bi de Wahle uf kommunaler, kantonaler und nationaler Ebeni die konstruktive Kreft i däm Land gstercht wärde.
Dr Wilhelm Tell isch zwar als Tyrannemörder ä widersprüchlechi Figur, würdi aber als Ma vor Tat sicher ou hüt no alles dra setze, dass sech d’Schwiz mit u dank der errungene Freiheit cha witerentwickle und ir globalisierte Wält ou die internationali Zämearbeit suecht.
I däm Sinn wünsch ig Öich aune ä gfröite 1. August und offni Ouge für die drängende gsellschafts- und wirtschaftspolitische Frage vo üsere Zyt. I hoffe, dass dir wien ig motiviert sit, Euch persönlech fürne moderni, offeni Schwiz izsetze, wo sech als chlis Land wieder cha dank Innovation, Solidität und Stabilität (wo allerdings nid mit Stillstand z’verwächsle isch) ar Spitze vo de Industrienatione positioniere.
Christa Markwalder Bär