
Rede zum 1. August 2003 in Bonstetten ZH
Von Hildegard Fässler, Nationalrätin, Grabs SG
(Es gilt das gesprochene Wort)
Für eine waschechte Ostschweizerin ist ein Gang oder eine Fahrt Richtung
Zürich nie ganz einfach. Die Zürcher haben uns einfach immer etwas
voraus. Nicht einmal beim Dialekt kann ich als im Thurgau Aufgewachsene die
Zürcherinnen abhängen. Wenn ich mal im Fernsehen oder im Radio etwas
sage, dann höre ich hinterher etwa Was du gesagt hast, war ja schon
recht, aber dieser Dialekt...!
Am 1. August kommt man als Rednerin fast nicht um die Geschichte herum. Nachdem
ich im Thurgau aufgewachsen bin, wohne ich nun schon seit über 25 Jahren
im Kanton St.Gallen. In diesem Jahr trifft man in meinem Wohnkanton auf Schritt
und Tritt auf Geschichtliches. Das hat damit zu tun, dass der Kanton St.Gallen
vor genau 200 Jahren in die Eidgenossenschaft aufgenommen wurde. Und das wird
bei uns ein Jahr lang gefeiert mit allen möglichen Anlässen landauf
und landab. Motto: Einander neu begegnen. Sehen Sie, und da kommt es wieder:
Das Voraussein der Zürcher und Zürcherinnen. Die sind schon seit 652
Jahren Eidgenossinnen und Eidgenossen. Auch der Thurgau kam erst 1803 zur Eidgenossenschaft
wie St.Gallen. Damit kann ich bei Ihnen also auch nicht bluffen. Dann
wäre da noch mein Innerrhödler Bürgerrecht durch Heirat: Auch
nichts zu machen. Die Appenzeller sind zwar schon seit 1513 im Bund der Eidgenossen,
können also in zehn Jahren ihre 500jährige Zugehörigkeit feiern.
Aber Zürich hat 162 Jahre Vorsprung.
Unsere Vorfahren glaubten an die Zukunft
Alle vier Kantone haben aber eines gemeinsam, und das ist mir aus heutiger Sicht
viel wichtiger als das Zugehörigkeitsalter zur Eidgenossenschaft.
Bei ihrem mehr oder weniger freiwilligen Beitritt haben die Verantwortlichen
an die Zukunft geglaubt, eine Zukunft für ihren Kanton, aber auch für
die Eidgenossenschaft. Sie haben daran geglaubt, dass man gemeinsam, füreinander
und miteinander ein gutes, ein sicheres, ja ein besseres Leben für jeden
einzelnen Menschen erreichen wird.
Und sie hatten Recht. Es gibt wohl keinen Kanton, der heute behaupten würde,
es ginge seinen Bewohnerinnen und Bewohnern besser, wenn er nicht zur Schweiz
gehören würde.
Und heute? Wenn ich die Zeitungen lese, lese ich sehr viel über eine düstere
Zukunft für die Menschen in unserem Heimatland. Genau dasselbe, wenn ich
Radio höre oder Fernsehen schaue. Ist die Zukunft der Schweiz wirklich
eher grau als farbig?
Ich bin überzeugt davon, dass unser Land eine Zukunft hat und zwar eine
gute.
Wenn Sie mich fragen, ob ich eher Optimistin oder Pessimistin sei, dann ist
meine Antwort klar: Ich bin Optimistin. Aha, werden Sie sagen, die sehen ja
immer alles rosarot. Ich bin zwar Optimistin, aber ich bin auch Realistin. Und
auch aus dieser Haltung sehe ich eine gute Zukunftschance für die Schweiz.
Das möchte ich Ihnen gerne zeigen.
Viele Schweizerinnen und Schweizer sind offen für Neues
Ich möchte Ihnen diese Offenheit an ein paar kleinen Beispielen zeigen,
und es ist mir durchaus Ernst damit.
Viele unter Ihnen sind in einem Verein engagiert. Nehmen wir die Musikvereine.
Die kenne ich etwas, weil ich während einiger Jahre in einer Blasmusik
mitgemacht habe. Schauen Sie mal deren Literatur an. Da werden längst nicht
mehr nur Märsche und Polkas und allenfalls die Titanic von Stephan Jaeggi
gespielt. Musik aus allen Ländern wird da ins Repertoire aufgenommen und
mit Begeisterung gespielt.
Nehmen Sie die Turnvereine. Was da z.b. am Eidgenössischen geboten wird,
ist längst nicht mehr das Sektionsturnen von früher. Neue Geräte,
neue Formationen haben Einzug gehalten und auch das Publikum freuts.
Sogar beim Schwingen dürfen die Fernsehreporter den Vornamen der Schwinger
zuerst nennen, vor wenigen Jahren noch ein unvorstellbarer Fauxpas. So hat also
Stefan Fausch den Brünigschwinget gewonnen und nicht Fausch Stefan.
Natürlich sind diese Veränderungen noch keine Garantie für eine
prinzipielle Offenheit. Aber es sind Schritte zur Veränderung gerade im
sehr traditionsbewussten Bereich der Vereine.
Schweizerinnen und Schweizer sind zuverlässig
Der grösste Teil der Arbeitsplätze in unserem Land wird von KMU angeboten.
An diesen Arbeitsplätzen wird sehr zuverlässig gearbeitet. Ebenso
zuverlässig sind die Chefs dieser KMU. Sie wandern nicht einfach ins Ausland
ab oder schliessen ihren Betrieb, wenn sie genug verdient haben. Diese Unternehmer
gehören nicht zur Kategorie der Abzocker. Sie hängen an ihrem Betrieb,
an ihrem Produkt und an ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Viele dieser
Betreibe bieten auch gute Lehrstellen an. Und die Auszubildenden nutzen zumeist
ihre Chance und legen einen guten Lehrabschluss hin. Dass an der diesjährigen
Berufsweltmeisterschaft in St.Gallen die Schweiz die Teamwertung gewann, bestätigt
dies und macht mir Hoffnung für die Zukunft. Gut ausgebildete junge Menschen,
die etwas leisten können und wollen, sind Teil unserer wirtschaftlichen
Zukunft.
Schweizerinnen und Schweizer sind einsatzfreudig, auch unbezahlt
Vieles in unserem Land funktioniert nur, weil es Freiwillige gibt, die einen
Teil ihrer Zeit und Kraft gratis zur Verfügung stellen und sich für
eine gute Sache engagieren. Noch ist dieser unentgeltliche Einsatz bei Frauen
und Männern verschieden gross. Da müssen die Männer noch aufholen.
Teilzeitjobs, Kinderbetreuungsangebote, mehr Prestige für die unbezahlte
Arbeit sind dafür hilfreiche Schritte.
Neben den Vereinen, die für das Leben in den Gemeinden wichtig sind, die
kluge Freizeitbeschäftigungen für die Jungen anbieten und eine grosse
Integrationsarbeit für Ausländerinnen und Ausländer leisten,
ist es vor allem der Einsatz im sozialen Bereich, der für unser Land unbezahlbar,
aber von grossen Wert ist. Betagtenbetreuung, Nachbarschaftshilfe, Gemeindepflege,
Spitex usw. könnten wir uns voll bezahlt nicht leisten. Dasselbe gilt für
die Jugendarbeit mit den vielen Freiwilligen, sei das in der Pfadi und ähnlichen
Organisationen, sei das im Jugendlokal oder in der Gassenarbeit.
Ist die Schweiz Spitze?
Die Schweiz ist Spitze! titelt diese Woche der Brückenbauer.
Endlich mal eine positive Aussage auf einem Titelblatt. Eine wohltuende Ausnahme
im Medienwald, in dem es doch nur so von Negativ-Schlagzeilen rauscht. Aber,
lassen wir uns auf eine solche Aussage überhaupt ein? Orientieren wir uns
nicht viel eher an den Negativmeldungen über Stellenabbau, Staatsdefizit,
Katastrophen, Epidemien u.ä. Nein, wir müssen die negativen Seiten
des Lebens, der Gesellschaft nicht verdrängen, aber wir sollten dies ebenso
wenig mit den positiven Dingen tun, denn aus ihnen können wir Energie holen
für einen hoffnungsvollen Blick in die Zukunft.
Wieso aber findet denn der Brückenbauer, die Schweiz sei Spitze? Zu jedem
der vier Arme des Schweizerkreuzes steht ein Stichwort: Tennis, Segeln, Architektur,
Forschung. Stimmt, wir sind weltweit mit führend in diesen vier Sparten.
Aber in mindestens zweien können wir den Spitzenrang schnell wieder verlieren,
nämlich im Sport, der immer von Einzelkönnern abhängt. Wie schnell
das gehen kann, hat eine Mitbürgerin meines St.Galler Bezirks Werdenberg
gezeigt. Martina Hingis, die nur ein paar Kilometer südlich von mir aufgewachsen
ist.
Auch der Ruf der Schweizer Architektur hängt an einigen wenigen Köpfen.
Wenn wir weiterhin gute öffentliche Schulen finanzieren und auch unsere
Hochschulen mit genügend Infrastruktur und Finanzmitteln ausstatten, dann
haben wir die Chance, den Spitzenplatz in der Forschung zu behalten und den
einen oder anderen Nobelpreisträger, es darf auch eine Nobelpreisträgerin
sein, zu feiern.
Spitze in Solidarität
Für mich ist aber ein anderer Spitzenplatz wichtig. Jener der Solidarität.
Ich meine, dass wir hier keinen Vergleich mit anderen Ländern scheuen müssen.
Aber, wir dürfen an den wichtigen Pfeilern Sozialwerke Schule
Gesundheitswesen nicht rütteln. Wir müssen sie im Gegenteil verstärken.
Wir haben ein gut ausgebautes Netz an Sozialversicherungen. Unsere Verfassung
garantiert ein anständiges Leben vor und nach der Pensionierung. Allerdings
darf es da keinen Abbau geben und auch keine Lastenverschiebung auf die Gemeinden
hin zur Fürsorge. Wer heute behauptet, morgen gäbe es keine AHV-Leistungen
mehr, tut dies wider besseres Wissen. Er reisst so einen Graben auf zwischen
der jungen und der alten Generation. Welches Ziel damit verfolgt wird, weiss
ich nicht. Unser Land lebt davon, dass die Generationen einander vertrauen.
Immerhin werden wir ja alle einmal alt. Denken wir daran, dass die AHV in einer
Zeit eingerichtet wurde, als es nur Wenigen finanziell wirklich gut ging, nach
dem 2. Weltkrieg nämlich. Schon damals unkten die Pessimisten, die Schweiz
könne sich die AHV nicht leisten. Die Realität hat sie alle widerlegt.
Statt schwarz zu malen und Unsicherheit zu verbreiten, sind neue Finanzierungsideen
für die Zeit nach 2020 gefragt.
Wir haben gute öffentliche Schulen, die allen Kindern die Chance bieten
für eine gute Bildung und ein selbstbestimmtes Erwachsenenleben. Tragen
wir ihnen Sorge, denn in der Schule lernen die Kinder den solidarischen Umgang
miteinander, natürlich auch über die Geschichte von Winkelried, für
dessen Familie die anderen sorgten, aber auch im täglichen Umgang miteinander.
Sozialkompetenz ist das Stichwort, arbeiten im Team, etwas, was auch im späteren
Leben, in der Arbeitswelt, aber auch ausserhalb gefragt ist.
Wir haben ein ausgezeichnetes Gesundheitswesen. Wer bei uns krank wird oder
verunfallt, darf damit rechnen, optimal versorgt und gepflegt zu werden. Die
Kosten dafür in den Griff zu bekommen und auch gerecht auf die Versicherten
zu verteilen, ist meiner Ansicht nach die grosse Herausforderung für das
neue Parlament, das im Oktober gewählt wird. Übrigens auch für
den neuen Departementschef Couchepin.
Ein liebens- und lebenswerte Schweiz
Ich bin überzeugt davon: Die Schweiz hat Zukunft. Mit ihren Mitbürgerinnen
und Mitbürgern, die zuverlässig arbeiten, die viel in unentgeltliche
Gemeinschaftsarbeit stecken, von denen die meisten, wenn auch noch nicht in
allen Bereichen, offen sind für Neues, sind wir gut gerüstet für
die künftigen Herausforderungen.
Voraussetzung dafür, dass wir diese Zukunft auch lebens- und liebenswert
gestalten können, ist unser Zusammenhalt untereinander, unsere Solidarität
zwischen den Generationen, zwischen den Sprachregionen, zwischen Privilegierten
und Benachteiligten, aber auch zwischen den Menschen mit und ohne Schweizer
Pass.
Denn Gräben zwischen den Generationen, Rösti-, Bratwurst oder Spaghettigräben,
Gräben zwischen Viel- und Wenigverdienenden, Gräben zwischen Schweizerinnen/Schweizern
und Ausländerinnen/Ausländern behindern die Entwicklung unseres Landes
und schaden damit uns allen.
Ausgrenzungen sind auch Eingrenzungen. Wer anderen die Tür weist, bleibt
hinter dieser Tür eingeschlossen. Wer einen Hag um sich herum macht, hält
nicht nur andere fern, sondern schränkt seinen Lebensraum ein. Eingegrenzte
können sich nicht weiter entwickeln.
Wir brauchen keine Sündenböcke, wenn etwas nicht läuft wie erhofft.
Wir brauchen Ideen, wie wir diese Probleme bewältigen können und Menschen,
die diese Ideen auch umsetzen und so die Probleme lösen wollen.
In der Schweiz gibt es genug Köpfe, die fähig sind, unser Land in
eine gute, positive Zukunft zu führen. Geben Sie im Oktober, da haben Sie
ja die Gelegenheit dazu, solchen Menschen Ihre Stimme. (Ich darf hier sicher
etwas Wahlwerbung machen, ich nenne ja keine Namen und bin hier auch nicht wählbar.
Streichen Sie sich einfach den Wahltag 19.10. im Kalender dick an und machen
Sie unbedingt von Ihrem Wahlrecht Gebrauch.) Also: Wählen Sie keine Gräben-Ausheber,
keine Unsicherheits-Schwarzmalerinnen, keine Sündenbock-Kreierer, sondern
wählen Sie realitätsnahe Optimisten, Lösungen-Sucherinnen, Team-Werker,
Grenzen-Überspringerinnen.
Happy birthday, Schweiz!
Die Schweiz feiert heute Geburtstag. Ich wünsche ihr alles Gute für
die Zukunft. Und ich wünsche Ihnen allen, die mitfeiern, ein gemütliches
Fest und noch viele Jahre lang Geburtstagsfeiern für unsere geliebte Schweiz.